Die blaue Blume in der Romantik

"Die blaue Blume ist ein beliebtes Motiv in der Dichtung der Romantik. In dem 1802 von Novalis erschienenen Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" träumt der Held von einer blauen Blume, die ihn mit einer großen Sehnsucht erfüllt....

"Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weiten Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinaus quoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als gewöhnlich, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft.

Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und sich zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel; die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen, ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte."

Angeregt und beunruhigt durch diesen Traum macht sich Heinrich auf in die Welt, um die Ursprünge seiner Sehnsucht zu suchen. Auf seiner Reise in die Ferne blickt er auf einer Anhöhe gleichzeitig zum Ziel seiner Reise und zurück in seine Heimat: "Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in der er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren Farben ausgemalt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen.

Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Thüringen, welches er jetzt hinter sich ließ mit der seltsamen Ahndung hinüber, als werde er nach langen Wanderungen von der Weltgegend her, nach welche sie jetzt reisten, in sein Vaterland zurückkommen, und als reise er daher diesem eigentlich zu." Die blaue Blume ist somit Symbol des Aufbruchs zur Erfüllung von Sehnsüchten und aber auch Symbol des Findens des eigenen, persönlichen Glücks und Lebenssinnes. Der gleichzeitige Blick nach vorne und zurück ermöglicht dem Betrachter geistige Reflexion über das Vergangene im Hinblick auf die Zukunft.

In Augsburg begegnet Heinrich Mathilde und entdeckt beim Anblick ihres Gesichts einen Zusammenhang mit seinem Traum: "Ist mir nicht zumute wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht..."

In Mathildes Gesicht entdeckt Heinrich das Seelenbild eines Menschen, das er schon immer zu lieben glaubte. Die Verbindung zwischen der Symbolik der blauen Blume und Mathildes Gesicht kann auch als die Sehnsucht nach Einigkeit und Verbundenheit mit der Natur verstanden werden. Mathilde stirbt, doch Heinrich bleibt sich über den Tod hinaus seiner Liebe und damit seiner Sehnsüchte treu.

Die poetische Farbsymbolik der Farbe Blau bei Novalis wird vom Leser intuitiv wahrgenommen und kann auch anhand der modernen Erkenntnisse aus der Farbenpsychologie verstanden werden. Das Denken an die Farbe löst eine sehnsüchtige, träumerische Stimmung aus und erzeugt gleichzeitig Geborgenheit und Ruhe. " (Thomas Seilnacht)

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